ilinx

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Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft
Berlin
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ilinx. Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft erprobt die Potentiale kulturwissenschaftlicher Forschung. Der Name (ilinx, gr. = Wirbel) ist Programm, denn Strudel entstehen dort, wo verschiedene Strömungen, Theorien und Materialien aufeinander treffen, Gleichfluss durch die Rekonfiguration von Wissen und Dingen dynamisiert wird. Die zweite Ausgabe fragt nach den Techniken, Agenten und Methoden, die dort zum Einsatz kommen, wo Ähnlichkeiten erzeugt werden – sei es in künstlerischen oder kultischen, technischen oder wissen­schaft­lichen Prozessen. Im Anschluss an Walter Benjamin können all diese Formen der Mimese als Ausdruck eines „mimetischen Vermögens“ begriffen werden, das sowohl das Erkennen als auch das Herstellen von Ähnlichkeiten umfasst und so kognitive, praktische und ästhetische Dimensionen vereint.

Wirbel entstehen lokal und situativ, vermischen und vermengen heterogene Elemente (Theorien, Methoden, Material, Disziplinen, Akteure, Artfakten, Zeiten und Räume); sie klären auf, trüben ein, wirbeln Staub auf und schlagen Wellen; setzen Dinge in Bewegung, destabilisieren, erzeugen Sogwirkungen, Kraftfelder, Unterströmungen, Stromschnellen und Untiefen, Schwindel, Rauschen und Störungen; sie reißen mit, hin, fort und weg. Als Bewegungen des Denkens wurde diesen Figuren des Turbulenten seit jeher ein Erkenntnispotential zugeschrieben.

So steht beispielsweise der Schwindel schon bei Platon für eine Verunsicherung über die Grundlagen des Wissens, die den Ausgangspunkt jedes philosophischen Fragens bildet; und auch das neuzeitliche Denken setzt mit der Erfahrung eines fundamentalen Schwindels an: »Die gestrige Betrachtung hat mich in so gewaltige Zweifel gestürzt, dass ich sie nicht mehr vergessen kann, und doch sehe ich nicht, wie sie zu lösen sind; sondern ich bin wie bei einem unvorhergesehenen Sturz in einen tiefen Strudel so verwirrt, daß ich weder auf dem Grunde festen Fuß fassen, noch zur Oberfläche emporschwimmen kann.« (Descartes, Meditationes de prima philosophia, 2. Meditation)

An diesen Ausgangspunkt kehrt ilinx zurück, wenn es sich den Dynamiken der Einlassung, der Hingabe, des Herauslösens, des Kombinatorischen verschreibt. Sie stehen für eine kulturwissenschaftliche Arbeitsweise, die Material, Methode und Theorie nach den Forderungen des Untersuchungsgegenstands konfiguriert und im Zweifelsfall die Problemgerechtigkeit den disziplinären Traditionen vorzieht. Dabei erfordert der Umgang mit dem temporär gestifteten Sog Navigationsvermögen: Haupt- und Nebenströmungen müssen »gesichtet«, »ausgelotet«, »vermieden« oder »umschifft«, Übertragungen müssen taxiert werden, bis sie auf einen Fokus zulaufen, der beweglich bleibt.

Gibt man die Ordnungsansichten auf und taucht ab und – an unerwarteter Stelle – wieder auf, so hat man sich auf ilinx eingelassen – auf die Dimension nämlich, die Roger Caillois in seiner Theorie des Spiels erwähnt. Bei ihm steht ilinx für die absichtlich aufgesuchte Andersartigkeit des Schwindels oder Rauschs. Das temporäre Aussetzen bekannter Orientierungen wird hier aufgrund ihres Reizes gesucht, und die Betonung des Spiels respektiert die notwendige Offenheit der Ordnungen. Die planvolle Suche ist häufig gerade dann erfolgreich, wenn Störungen, Fehler, Nebensächlichkeiten eine Entdeckung provozieren und zufällig, nach dem Prinzip der »Serendipity«, geschehen. Weil ilinx diese Figuren ernst nimmt, will es zum Spiel mit den Dynamiken auffordern und die Reflexionen darüber operationalisieren.