Be Creative! Der Kreative Imperativ

Projekt: 
Museuem für Gestaltung Zürich
30.11. 2002 - 2.3. 2003
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Kurzbeschreibung: 

Der kreative Imperativ
Der ökonomische Wandel und die Forderungen der sozialen Bewegungen und Subkulturen haben das Selbstverhältnis der Subjekte und damit auch den Kreativitätsbegriff neu geprägt. Kreativität und die Fähigkeit zum Selbstmanagement gelten heute nicht mehr nur als Fähigkeiten von GestalterInnen, sondern als unabdingbare Voraussetzungen für das Bestehen in den Arbeits-, Aufmerksamkeits- und Beziehungsmärkten überhaupt. Die eigene "Arbeitskraft" als UnternehmerIn in eigener Sache zu vermarkten, arbeitsfreie Zeit und temporäre Anstellungsverhältnisse effizient zu nutzen, sind bereits zur gesellschaftlichen Norm geworden. Selbst-organisation, Kreativität und Eigenmotivation werden als Vorbild für die "WissensarbeiterIn" der Zukunft genannt, ebenso wie als "weiblich" konnotierte Eigenschaften: Intuition, Reflexivität, soziale Kompetenz und Verantwortung für die Gruppe, die auch als Bedingungen für wirtschaftliche Innovation gelten. Auch subkulturelle Praktiken und nonkonformistische Lebenskonzepte stören nicht mehr den fliessenden Ablauf der Geschäfte in den Unternehmen, sondern sollen die Produktivität sogar steigern. Künstler- und GestalterInnen dienen dabei als Vorbild. Die aktuelle Kreativitätssemantik richtet sich allerdings nicht mehr an ein emphatisches Konzept des Ausnahmeindividuums, etwa das künstlerische Genie. Kreatives Handeln und Denken werden nun von allen BürgerInnen und LohnarbeiterInnen der westlichen Industriegesellschaften gefordert. Sie sind die Kunden des boomenden Markts für Kreativitätsförderung und werden mit entsprechenden Ratgebern, Seminaren, Softwareprogrammen usw. versorgt.

Die Forderung nach mehr Kreativität geht mit einer positivistischen Auffassung der Bildproduktivität einher, etwa in der Annahme die Visualisierung von Ideen trage massgeblich zu deren Förderung bei. Zudem ist ein Umschlag in der Kreativitätsmetaphorik zu beobachten: Edukationsprogramme, Lerntechniken und -tools liefern die entsprechenden Methoden und inszenieren gleichzeitig Möglichkeitsformen des Seins und lassen eine Selbstoptimierung begehrenswert erscheinen. Sie stellen die bisherige Subjektposition der AnwenderInnen als defizitär dar. Kreativitätstrainings fordern und fördern so ein Einverständnis mit den gesellschaftlichen Bedingungen und die Unterordnung des Individuums unter die "Regeln des Marktes", bei gleichzeitiger Befreiung der schöpferischen Potenziale. Kreativität erweist sich so als demokratische Variante der Genialität. Jedem wird die Fähigkeit zugesprochen, kreativ sein zu können, aber jeder wird auch genötigt, seine kreativen Potenziale zu entfalten. Der Imperativ, sich zum "schöpferischen Subjekt" und "unternehmerischen Selbst" zu machen, hat die Autonomieparolen der 60er und 70er Jahre absorbiert. Der Ruf nach Selbstbestimmung und Partizipation bezeichnet nicht mehr nur eine emanzipative Utopie, sondern auch eine gesellschaftliche Verpflichtung. Auf der einen Seite werden so ManagerInnen als Anarchisten, Angestellte als spielerisch-lockere Innovative, Firmen als Subkulturen inszeniert, auf der anderen Seite sind unbezahlte Überstunden ebenso normal geworden wie kurzfristige Jobs und Erwerbslosigkeit.

"Be Creative!" setzt sich mit dem Wandel des Kreativitätskonzeptes vom Befreiungsmythos zur Anforderung unter postindustriellen Bedingungen auseinander. Das Projekt verfolgt die veränderte Struktur der Ökonomie und der Arbeitswelt auf der Ebene der Betriebs- und Raumorganisation, des Zeitmanagements bis hin zum Zwang zu Mobilität; es beobachtet die Anforderung kognitiver Fähigkeiten, die mit Begriffen wie Kreativität und Intelligenz belegt werden, u.a. anhand von Privatisierung und Umbau des Bildungssystem Schweiz; es verweist auf den Boom der Ratgeber für mehr "Kreativität" und fragt nach deren Anwendungen; es reflektiert die Aneignung künstlerischer Produktionsprozesse und subkultureller Lebensweisen für die Werbe- und Immobilienwelt und zeichnet die Transformation "emanzipatorischer" Modelle von der Forderung nach Partizipation zur politischen "Steuerungstechnologie" nach.

Die sechs Themenschwerpunkte "Ökonomie", «Anforderungs-profile», "Kreativitätstechniken", "Neue Arbeit", "New Urban Lifestyle" und "Partizipation" wurden in Zürich mit Ulrich Bröckling, Freiburg i. Breisgau, Caro Cebraro, Zürich, Thomas Comiotto, Zürich, Tom Holert, Köln, Stefanie Hablützel, Zürich, Linda Herzog, Zürich, pro qm ( Jesko Fezer, Axel John Wieder, Katja Reichard ), Berlin, Irene Ledermann, Zürich, Dominik Roost, Zürich und Monika Wisniewska, Zürich, entwickelt. An der Ausstellung sind darüber hinaus beteiligt: Regula Bearth, Zürich, Ursula Bosshardt, Zürich, Sabine Falk, Hamburg, Anna Valentina Francia, Leipzig, Monika Gold, Zürich, Carey Young, London, Renate Menzi, Zürich, Felix Reidenbach, Hamburg, Simone Rüssli, Basel, Teresa Salerno, Zürich, Kilian Schellbach, Leipzig, Mladen Stilinovic, Zagreb.

Marion von Osten, Künstlerin, Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst Zürich HGKZ und Peter Spillmann, Künstler, Zürich