Falsche Läden

Autor: 
Kathrin Röggla

Falsche Läden

Schon wieder ein Fake. Ein Betretbares diesmal, schließlich steht man davor und bestaunt die Vorderfront. Man kann also reingehen, wenn man sich traut. Und manche trauen sich ja nicht: „Da wirst du gleich so angesehen!“ wurde ich vorgewarnt. Was sich beim Eintritt dann nicht bewahrheitet, im Gegenteil, hier scheint eher milde Gelassenheit zu herrschen gegenüber dem, was von draußen reinkommt.

Man kann ja so einiges kopieren, zitieren, sampeln, faken heutzutage, aber gleich einen ganzen Buchladen? - „Ach, das hat’s schon öfter gegeben. in dieser Gegend wimmelt’s nur so von falschen Läden.“ wurde ich informiert. Neben dem real existierenden Kapitalismus habe sich hier in Mitte noch so eine Scheinwirtschaft eingestellt, Leute, die tun nur so, als wären sie in Betrieb. „Das war so eine Schnapsidee!“ lautet die Legende, oder: „Von einem Tag auf den andern ist ihm das eingefallen. Auf einmal hat er gesagt, er möchte eine Buchladen machen. Ich hab auch nicht gewusst wieso.“ Eine hat geerbt, da macht sie einen Buchladen. Einer hat eine Schnapsidee, dann macht er einen Buchladen, so richtig wirtschaftlich ist das aber nicht! „Verdienen tun wir ja nichts.“ - „Ihr könnt euch nicht selber tragen?“ - „Nee, Geld kommt keines rein.“ „Ich arbeite auch nicht für Geld.“ Er lacht.

Während sich ringsum prekäre Arbeitsverhältnisse breit machen, werden sie hier also selbst inszeniert. Während man allerorts vor der Wiedereinführung vorkapitalistischer, beinahe schon feudaler Abhängigkeitsverhältnisse steht, inszeniert man hier eine kleine Souveränität, doch warum auch nicht? Mehr Wohnzimmer als Buchladen, hat man früher zu so was gesagt, heute ist mehr eine Galerie, ein Environment, was früher ein Metzger, oder ein Obstladen, oder ein Copyshop war. Hier jedenfalls Urbanismuskritik, Architektur, „die Kunst des Öffentlichen“. In diesem vor zwei Jahren herausgegebenen Buch von Marius Babias und Achim Könneke kann man den Boom der Konzeptkunst in den Neunzigern nachlesen mitsamt den Irritationen, Widersprüchen, die das mit sich gebracht hat, und auch den einen oder anderen Abgesang. Auch Jesko Fezer und Axel J. Wieder vom vermeintlichen Buchladen haben darin einen Artikel verfasst, der mit „Stadt als Ware/Kultur/Öffentlichkeit“ unterschrieben ist und u.a. sich mit der romantisierenden Vorstellung von öffentlichem Raum der Mercedes-Benz-PR-Abteilung auf der Suche nach „Einheit von Mensch, Marke und Stadt“ (so deren Promo-Text) beschäftigt, mit der Einbindung der Kultur in die Produktion des städtischen Raumes als Ware, und der Vorstellung, wie Architektur soziales Elend produzieren kann.

Und nicht nur die, manchmal genügen einfach Immobilienspekulanten dazu. Denn kaum sitzt man vor dem Laden in der alten Schönhauserstraße in der Sonne, kann man schon erfahren, dass in der Straße zehn Läden leer stünden. Hier wurde kräftig investiert, viele Häuser neu gebaut oder renoviert, und man könnte eigentlich das Klischee über das städtebauliche Aussehen flexibler Akkumulation bestätigt bekommen, wäre da nicht dieser zunehmende Leerstand. „Oder die Leute wie das Partnerschaftsvermittlungsinstitut nebenan haben eben falsche Erwartungen, falsche Vorstellungen, was weiß ich.“ Gegenüber so ein pseudo-italienisches Restaurant, das ständig den Betreiber wechselt, und in das sie nur gehen, um Zigaretten zu kaufen, was ihnen langsam gegenüber dem Restaurantbesitzer peinlich ist. Schon da drüben werden sie alleine als Kleinunternehmer, Gewerbetreibender, oder Angestellter verstanden, schließlich macht man zu dritt den Laden.

"Natürlich sind wir eine Buchhandlung, aber eben auch ein Raum mit Möglichkeitspotential, z.B. an bestimmten Diskussionen aktiv teilzunehmen, Einfluss auf kulturellen Diskurs zu haben, Informationen zu verbreiten.“ - „Also so was wie ein Infoladen?“ - „Ja, warum nicht.“ Das kann man gleich ausprobieren und dort beispielsweise mit einer anderen Kundin über ein Kunstprojekt debattieren: „Was, du kennst die nicht? Die machen doch diese Werbung für Audi, die keine ist.“ - „Wie?“ - „Na, ohne dafür beauftragt zu sein.“ Imitieren sie einfach Werbung - Ja, Werbungsfake, auch das muss es geben - aber man wisse nicht, ob da nicht doch Gelder flössen. Ob sie letztendlich nicht doch Gelder bekämen von Audi. Sie grinst. Man mache jetzt ganze Universitäten, Firmen nach. - „Ach, so ist das also.“

Am Ende steht man wieder vor dem Laden, der nun möglicherweise doch einer ist, nicht wie der Möbelladen ums Eck, der wirklich keiner ist. Oder das Modegeschäft. Die Galerie, die nicht wirklich eine ist, wie ehemals die Christine-Hill-Volksboutique auf der Documenta. Falsche Läden wurden ja quer durch die 90er Jahre gemacht mit ganz unterschiedlichen Konzepten, und heute gibt es nun wirklich die Richtigen nicht mehr. Jenseits der H&Ms, Sisleys und Görtzes, jenseits der Saturns, Kaisers und Lidls gibt es keine Läden mehr. Es gibt nur Ketten und Nebenketten und neben den Nebenketten noch die www.laden-kette.de extra für den Wrangelkiez. - Extra für den Wrangelkiez? - Ja, wegen der Lebensqualität. You remember? Das ist der Kreuzberger Kiez, durch den ehemals Jörg Schönbohm lief und seine Spuren hinterlassen hat. Seitdem geht es mit dem Viertel abwärts: Hohe Arbeitslosigkeit, viele Läden stehen leer und die Mietpreise sind überteuert. Wie gut, dass man sich zusammentun kann: Das Quartiersmanagment (d.h. die Stadt), die Wrangelvision e.V. (d.h. die Händler), und die urban dialogues e.V. (das müssen dann die Künstler sein) Ja, selbst urban dialogues hat man sich jetzt ausgedacht so zur lokalen Intervention: Gemeinschaftsgefühle stiften, Leute zusammenbringen, die niemals miteinander reden würden, den durchökonomisierten Alltag durchkreuzen, Erlebnisfähigkeiten wieder anzetteln, Immobilienattraktionen schaffen, indem man die leerstehenden Läden inszeniert. Mit Luftballons füllt, oder Fotosessions mit den Anwohnern für ein Computerspiel macht, ein Café für ein paar Tage eröffnet - aber alles nur temporär, versteht sich, denn die Vermietungsbörse wird von vorneherein angehängt. Doch welcher Interventionist möchte das heute noch wirklich: „die Stadt erfahrbar machen“, „verblüffen“, „stutzig machen“, etwas „mit anderen Augen sehen machen“, wie die Zeitungen dann darüber berichten, am Ende noch „den Stadtraum sinnlich erfahrbar machen“? - Ach du meine Güte!

Früher hat man das so gemacht: Einfach in einen anderen Rahmen gehen mit seiner politischen Arbeit, beispielsweise in den Kunstrahmen und diesen für die eigenen Zwecke nutzen. Oder man hat sich umgekehrt gefragt, was Kunst sein könnte. Oder etwas dümmer, ob etwas noch Kunst sein kann. Tja, wo der ästhetische Zusammenhang aufhört und andere Funktionszusammenhänge beginnen, lässt sich heute immer schwerer entscheiden. „Kunst im öffentlichen Raum“ wird heute jedenfalls meist als Service verstanden, als Aufwertungsmöglichkeit der „Ware Stadt“. Doch wo sich Kulturalisierung der Politik und Festivalisierung der Innenstädte gute Nacht sagen, liegt der Öffentlichkeitsbegriff begraben. Und zwar lautstark, denn, wie auch die beiden von der Buchhandlung „Pro qm“ in ihrem Essay feststellen, so viel Öffentlichkeit war noch nie in der Rede über Kunst. Nicht nur dort, manchmal könnte man direkt meinen, die ganze Stadt sei ein einziges Öffentlichkeitsfake, doch auch Fakes produzieren, wie man weiß, jede Menge Realität. Zurück zum Buchladen!

Frankfurter Rundschau 10. Oktober 2000