K&K. Zentrum für Kunst und Mode Weimar

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Nr. 08 Pro qm

K&K. Zentrum für Kunst und Mode Weimar

Interview mit pro qm zu ihrer Ausstellung „Modemagazine“
2002

Vor einem Monat haben wir im Kiosk die DDR-Modezeitschrift “Sibylle” vorgestellt. Viele (Passanten aber auch Fachpublikum) haben uns darauf angesprochen, denn die “Sibylle“ ist hier immer noch sehr bekannt. Ihr bringt nun eine Auswahl an Modezeitschriften mit, die kaum bekannt sind. Warum nicht? Werden Sie nur in Metropolen gelesen?

Wir haben einen Schwerpunkt gelegt auf internationale Magazine*, in denen die inhaltliche Ausrichtung tendenziell vom gesellschaftlichen Mainstream abweicht. Abbildungen und Layout werden experimentell eingesetzt und die Texte sind häufig fremdsprachig. Die Verbreitung dieser Produkte hängt unter anderem von den bestehenden Vertriebsstrukturen für Zeitschriften ab. Kleinere Zeitschriften arbeiten meist nicht mit den weitreichenden Majorvertrieben, die Kioske und Bahnhofsbuchhandlungen ausstatten. Sie sind deshalb eher in spezialisierten Läden zu finden, die es vorrangig in Großstädten, und eben vor allem in den so genannten Metropolen, gibt. Der internationale Vertrieb solcher Zeitschriften ist also vergleichsweise gut und verdankt sich einem engmaschigen und sehr informierten Netz aus Produktions- und Verkaufsorten für Mode, aus Clubs und Galerien, und den darin zirkulierenden Zeichensystemen.

Worin besteht ihr Reiz, welche Auffassung von Mode vermitteln sie, was macht sie glamourös oder sogar provokant?

Generell versuchen die meisten dieser Magazine einen diskursiveren Blick auf Mode und ihre Phänomene zu werfen. Es werden die Entstehungskontexte, Abbildungspolitiken und Wirkungsweisen von Mode, beispielsweise auf Geschlechterkonstruktionen, reflexiv bearbeitet. Was macht ein Modefoto aus? Was ist die Rolle von Models in einer Schau, und wie kann diese Rolle produktiv gemacht werden? Manchmal ist auch schon ein Blick hinter Kulissen oder in Privaträume interessant. Einerseits ist diese thematische und gestalterische Ausrichtung der Hefte interessant, aber natürlich auch dieser Hauch von Geheimwissen, den eine Verfeinerung und Spezialisierung von Codes und Referenzsystemen umweht.
Oft entstehen diese Publikationen aus einem kleinen engagierten Organisationsrahmen heraus, in flexibler Zusammenarbeit mit AutorInnen aus genreübergreifenden Feldern - wie Kunst, Film oder wissenschaftlichen Bereichen, im Gegensatz zu multinational operierenden Verlagshäusern wie Condé Nast (Vogue, Allure etc.) mit hierarchischen Personalstrukturen und standardisierten Inhalten. Ein Magazin wie Made in USA z. B. arbeitet direkt mit KünstlerInnen zusammen, und die Werbeannoncen bestehen durchgehend nur aus Text. No. Magazine ist eine belgische Zeitschrift, deren Ausgaben jeweils von einem anderen Modedesigner kuratiert werden - das gesamte Erscheinungsbild differiert von Ausgabe zu Ausgabe.
Bemerkenswert ist, dass sich das Segment um kulturorientierte Lifestyle- und Modemagazine in den letzten Jahren unglaublich verbreitert hat. Vor etwa 10 Jahren haben sich in einer ähnlichen Konjunktur sehr viele Kunst- und KünstlerInnen-Zeitschriften gegründet, in Frankreich, Österreich, England, Deutschland. Zeitschriften wie frieze, Texte zur Kunst und Purple sind damals entstanden und haben einen sehr viel offeneren Ton in die Kunstkritik gebracht. Zu Beginn der 80er Jahre war es wiederum eine unüberblickbare Anzahl von Fanzines, die sich auf den Musikbereich konzentrierte. Die gegenwärtige Präsenz von Modemagazinen scheint uns deshalb programmatisch zu sein, auch für ein Rezeptionsfeld von Popkultur überhaupt.

Wer ist pro qm? Was ist das Programm Eures Buchladens?

Pro qm wurde als thematische Buchhandlung 1999 in Berlin gegründet und beschäftigt sich vor allem mit Stadt und den Schnittstellen zu Politik, Pop, Kapital, Architektur, Design, Kunst und angrenzende Theorien. Wir sind drei BetreiberInnen und kommen aus unterschiedlichen Berufsfeldern: Katja Reichard ist Diplom-Designerin und Projekt-Organisatorin, Jesko Fezer arbeitet als wissenschaftlich/künstlerischer Assistent am Studiengang Architektur der UdK Berlin und Axel John Wieder ist Kunsthistoriker und freier Autor. Entsprechend ist das Programm interdisziplinär und besteht neben der Buchhandlung in regelmäßigen Veranstaltungen im Laden und Beiträgen für Ausstellungen und Konferenzen.

Ihr habt letztes Jahr den Kunstpreis “ars viva” erhalten und wart infolgedessen auch auf der Ausstellung vertreten, die vor kurzem im Neuen Museum in Weimar zu sehen war. Also ist pro qm auch ein künstlerisches Konzept. In welcher Hinsicht macht ihr Kunst?

Der Laden dient, neben seiner Ausrichtung auf Präsentation und Verkauf von Büchern, als sozialer Ort, als Container diskursiver Prozesse und als veränderbarer Kunst-Raum. Außerdem arbeiten wir alle neben dem Laden in unterschiedlichen Ausstellungs- und Projektzusammenhängen. Eine künstlerische Auseinandersetzung unter dem Label Pro qm bietet die Chance, konkreter an inhaltlichen Schwerpunkten zu arbeiten, im Rahmen Ars Viva z. B. zum Begriff der "Partizipation". Wir würden Pro qm aber weniger als künstlerisches Projekt denn als einen Arbeitszusammenhang begreifen, von dem aus wir uns mit Theorien und deren Distribution, mit eigener wissenschaftlicher Arbeit und mit künstlerischen Projekten beschäftigen.

Wie ist Euer eigenes Verhältnis zur Mode?

Ich sag mal was: pragmatisch. Die Reflexion über Mode, Körper, Stil, Geschmack erzeugt gegenüber dem eigenen stylistischen Auftritt mit der Zeit eine gewisse Nonchalance.

K& K bedanken sich für das Gespräch

*Made In USA, No. Magazine, Selfservice, Purple, Neo 2, Crash, 032c, Butt, Index, Another Magazine, Liberation Style, Fashion Theory, Over, V Magazine, Zoo Magazine.