Pro qm, Almstadtstraße

Autor: 
Jörn Schafaff

Pro qm, Almstadtstraße

Ein Buchladen expandiert. Okay, das passiert, darüber gibt es weiter nichts zu sagen. Eigentlich. Denn der Buchladen, um den es hier geht, ist nicht einfach nur ein Buchladen. Pro qm ist eine „thematische Fachbuchhandlung für Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst, Theorie“, wie das Ladenschild mitteilt. Es fällt auf, dass allein der Ökonomie ausdrücklich die Kritik angehängt ist. Tatsächlich aber verwundert es nicht, drückt sich doch hierin der Zwiespalt aus, dem sich Katja Reichard, Axel John Wieder und Jesko Fezer seit Gründung des Ladens 1999 gestellt haben. Die Unterordnung des Stadtraums unter die Maxime der ökonomischen Wertschöpfung ist einer der Hauptangriffspunkte des von Pro qm vertretenen Diskurses. Einen Laden zu eröffnen und Handel zu betreiben bedeutet, sich zwangsläufig in das Fahrwasser der Problematik zu begeben, auch wenn die Ware dazu bestimmt ist, gegen die Strömung anzusteuern. Um dem zu begegnen, bedient sich Pro qm in ihren neuen, Anfang Februar eröffneten Räumlichkeiten einer bis ins Detail kalkulierten architektonischen Sprache. „Die Gestaltung organisiert den Raum weniger als optimierte Verkaufsfläche, sondern als offenes räumliches Potential für Diskussionen und Bewegungen.“, heißt es in der Pressemitteilung.

Entsprechend ist der erste Eindruck: eine verwirrende Landschaft aus Buchrücken und Regalen, die sich auf verschiedenen Ebenen auftürmt. Dem Auge bietet sich kaum Halt. Es gibt keine Hinweisschilder, wer sich nicht traut zu fragen, wird lange brauchen, um sich zurechtzufinden. Auf den zweiten Blick wird klar, die fehlende Führung ist Programm. Sie lädt dazu ein, die semantische Struktur des Ladens eigenständig zu erkunden. Er rückt damit in die Nähe künstlerischer Installationen. Der Boden vorne links ist zum Beispiel mit Asphalt ausgegossen. Ein graues Holzpodest, zu dem einige Stufen hinaufführen, dominiert den Raum hinten links. Es erinnert an eine Bühne. Passend gibt es ein Holzgerüst, das früher als Raumabtrennung diente, jetzt aber wie eine Kulisse wirkt. Die Wandregale bilden mit ihrer unterschiedlichen Herkunft ein subtiles Leitsystem: Urbanismus findet man vorne rechts auf einem Bibliothekssystem aus Stahl, die Kunst hinten rechts auf weißen Ikea-Regalen (warum auch immer!). Die Regalwand vorne links wurde eigens angefertigt, passend zum Thema Design. Hinten links schließlich ein billiges Schienensystem aus weiß lackiertem Stahl, versehen mit weiß laminierten Brettern: Baumarkt-Ästhetik als Kommentar zur Architektur. Auf den Regalhalterungen klebt noch der Barcodesticker.

Der neue Laden in der Almstadtstraße ist ein Plädoyer für das Unabgeschlossene, Diskursive, eine Demonstration der Zeichenhaftigkeit jeglicher Architektur. Noch in den kleinsten Details demonstrieren die Architekten ifau und Jesko Fezer die kritische Distanz des Geschäftes zur Logik verkaufsförderner, auf Identifikation abzielender Shopping-Architektur. Das gelingt wunderbar, droht aber, sich ins Gegenteil zu verkehren. Denn die demonstrative Selbstreflexivität ist nicht nur ein Mittel der kulturellen Distinktion. Sie ist auch ein Alleinstellungsmerkmal, das die Kundschaft mit dem wohligen Eindruck bindet, hier gehe es in erster Linie um etwas anderes, als einfach nur darum, gute Bücher zu verkaufen. Das aber ist die Stärke von Pro qm. Eines Deckmantels bedarf es dafür nicht.

*/100, März 2007, Seite 11