Pro qm

Autor: 
Christiane Mennicke

Pro qm

Pro qm eröffnete 1999 in der Alten Schönhauser Straße in Berlin-Mitte zu einem Zeitpunkt, an dem grundsätzliche Weichenstellungen für die Berliner Mitte bereits erfolgt waren. Umso klarer konturiert und reflektiert war das Programm: Einen Ort zu schaffen, der Auseinandersetzungen zu stadtpolitischen und künstlerischen Prozessen fortführt, eine Basis und einen Arbeitszusammenhang schafft und verschiedene Funktionen vereint, innerhalb derer die eigenen Interessen, Lebensstile und Arbeitssituationen verhandelt werden. Pro qm ist einerseits eine Buchhandlung und zum anderen ein Ort für mehr oder weniger programmatische oder fan-spezifische Veranstaltungen. In dem von Katja Reichard, Axel Wieder und Jesko Fezer gegründeten Laden finden regelmäßig Konzerte, Buchvorstellungen, Lesungen und weitere Präsentationen statt. So lesen sich schon die ersten Veranstaltungen von Pro qm in ihrer Auseinandersetzung mit Büchern programmatisch: Weniger wird hier eine selbst-referentielle Dogmatik eines Fachs (wie Architektur, Stadtplanung oder Kunst) angesteuert, als vielmehr eine urbane Produktivität, die Entscheidungen für und gegen bestimmte Lebensstile als politische Entscheidungen versteht. Zu einem der ersten wichtigen in deutscher Sprache erschienenen Reader der britischen Cultural Studies, “Jugendkultur und Widerstand” (Syndikat 1979) zeigte Martin Ebner drei Monate lang eine aus Pressspan ausgesägte Figur im Laden. “Stadt als Beute”, eine der grundlegenden Abhandlung zur Privatisierung städtischer Räume wurde von den Herausgebern vorgestellt und Dietmar Dath las aus dem Roman “Am blinden Ufer”. Jede Veranstaltung war aus unterschiedlichen Gründen wichtig – um Thesen vorgeführt zu bekommen, oder um eine Attraktivität, eine offensichtlich zu beobachtende diskursive Relevanz überprüfen zu können.

Als “thematische Buchhandlung” stellt Pro qm ein internationales Spektrum von Büchern, Magazinen, LPs und CDs zu Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst und Theorie in einen anderen Zusammenhang als den des rein ökonomisch selektierten Warenangebots. Motiviert wird die Auswahl durch die eigenen Interessen - in dem bewussten Verbinden verschiedener Formen der Praxis und Theorie. Die Reihung der Themen im Untertitel von Pro qm liest sich im Sinne einer Theorie des Urbanen mehr als konsequent: urbane Praxis ist nicht vorstellbar ohne politische Inhalte, ohne ökonomische Fragen, aber schon gar nicht ohne Pop, Architektur, Design oder Kunst. Nicht nur eigene künstlerische Produktionen entspringen dem Zusammenhang von Pro qm, sondern auch für zahlreiche Ausstellungsprojekte zusammengestellte kleine thematische Büchertische, etwa zum Verhältnis von Bildproduktion und Stadt oder aktuellen Fragestellungen von Kunst im öffentlichen Raum. Die Büchertische stellen eine Auswahl themenspezifischer Literatur zusammen und funktionieren gleichzeitig im Sinne eines Displays, indem sie ein Themenfeld nahezu erzählerisch von unterschiedlichen theoretischen und historischen Strängen durchqueren lassen.

Recherche, Produktion und Vermittlung von Wissen gehen in ihrer täglichen Praxis mit einer Umsetzung von Wissen in Gestaltung einher. Pro qm erhielt 2002 überraschenderweise den bis dahin eher werkorientierten künstlerischen Arbeitsweisen vorbehaltenen Förderpreis Ars Viva des Kulturkreises im BDI und nutzte diesen Preis, um ein Forschungsprojekt zu historischen Modellen der Nutzerbeteiligung zu realisieren. Eine Diashow und Text- und Bildsammlungen dokumentierten unterschiedliche Partizipationsmodelle in Architektur, Stadtplanung, Theater und Ausstellungswesen. Untersucht wurde in den verschiedenen Stationen der Preisausstellung in Köln, Weimar, Nürnberg und Leipzig, wie sich unterschiedliche Beteiligungsstrategien in der Entwicklung von Displays manifestieren und im Design abbilden.

Für ein Panel der Berliner Konferenz Urban Drift lud Pro qm Autoren und Beteiligte des 1970 erschienenen Buches ”Kapitalistischer Städtebau” ein und erarbeitete gemeinsam mit diesen eine kritische Rekonstruktion der Anfänge der Urbanismuskritik. "Räume" zu eröffnen und zu bespielen ist für Pro qm, vielleicht im Sinne von Henri Lefebvre, das oberste Primat: Ein kontextuelles Vorgehen, das die geographische, thematische, soziale und theoretische Situation zugleich ernst nimmt und transformiert und das durch Distribution von Gedanken und Gestaltungen neue Räume schafft. Ein Vorgehen, das als ökonomische Struktur im Sinne von Institutionalität funktioniert und "durchschaubar" ist und zugleich umso deutlicher alle Abweichungen vom ökonomischen Prinzip sichtbar werden lässt.

Text wurde zuerst veröffentlicht im Ausstellungskatalog un-built cities, Bonner Kunstverein 2003